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Bericht von einem Demotivations-Seminar
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Fast hätte ich gar nichts mehr aufgeschrieben.
Erstens steht ja alles schon da.
Zweitens nützt das, wie man weiß, auch nichts.
Und drittens habe ich gerade sehr erfolgreich an einem fünftägigen Demotivationsseminar teilgenommen.
Dieses war dermaßen gut, dass ich schon am dritten Tag nicht mehr hin wollte. Ich bestand damit die Abschlussprüfung vorzeitig und bekam das Zertifikat mit dem Prädikat „Mit Auszeichnung” nach Hause.
Ich habe es nicht einmal eingerahmt, so erfolgreich war ich demotiviert.
War absolut sein Geld wert, das Seminar.
Wenn ich daran denke, wie krank mich das viele Gesunden meines Unternehmens gemacht hatte!
Seit ich nun wieder durch und durch demotiviert bin, habe ich endlich auch wieder Lust, etwas nicht zu machen.
Es macht zum Beispiel wieder richtig Spaß, nicht zu kochen. Die leere, aufgeräumte Küche!
Das war vorher ganz anders.
Ich eilte von Erfolg zu Erfolg und kletterte die Karriereleiter rasch hinauf, bis ich fast im Himmel war.
Die Menschen, erklärte uns der Demotivations-Trainer, litten heute an zu viel Motivation. Sie wollen mehr, als sie wollen. Nicht die Menschen verfolgen in Wirklichkeit die Ziele, sondern umgekehrt die Ziele die Menschen. Man muss sich selbst mutig in den Weg stellen.
Daher das Seminar.
Denn erst, wenn ich weiß, dass ich nichts bewirke, bewirke ich auch nichts.
Wir sind, sagte der Dozent, nicht dazu geschaffen, zu etwas geschaffen zu sein. Niemandem wird irgendetwas an der Wiege gesungen. Jeder will nur etwas gehört haben.
Und dann ging es los.
Auch bei diesem Seminar mussten alle aufstehen und die Arme heben. Doch war, was bereits ungemein demotivierte, die Verwendung eines Deodorant untersagt.
Wir murmelten gemeinsam: „Ich schaffe das nicht. Ich schaffe das nicht.”
Dann war Kaffeepause.
Dann wieder Murmeln und Fragen. Es gab auf alles ein demotivierendes Achselzucken.
„Wie verkaufe ich nichts mehr?”
„Wie strahle ich auch auf andere Unsicherheit aus?”
„Wie überzeuge ich endlich nicht mehr?”
Der Dozent berichtete mit ansteckender Lustlosigkeit von Menschen, denen er ihre Leistungsblockaden zurückgegeben hatte, die bei Hindernissen wieder kräfteschonend aufgaben. Man muss an dieser Stelle anmerken, dass sich auf dem Markt auch unseriöse Seminar-Anbieter finden, bei denen man lediglich sein Geld los wird, was am Anfang freilich auch sehr demotiviert.
Doch nachhaltig ist die Wirkung erst, wenn man auch kein neues dazu verdient.
So kann ich abschließend sagen: Ich habe zu meinen früheren Selbstzweifeln wieder zurückgefunden.
Meine Grenzen sind mir wieder deutlich wie Todesstreifen hinter Stacheldraht.
Letztlich hat sich durch das Seminar auch meine Schwervermittelbarkeit erhöht.
Um mich ist es still geworden.
Mir geht es also besser, seit es mir schlechter geht.
Die dritte Mahnung, die Seminarkosten endlich zu bezahlen, ignoriere ich wie die anderen beiden.
Es kann nur eine Wiederholungsprüfung sein, der ich mühelos standhalte.
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Das Beistelltischchen
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Einer der überhaupt folgenschwersten Eingriffe in das Universum ist die Anschaffung eines Möbelstücks.
Je kleiner desto gemeiner.
Eine unendliche Kettenreaktion des Verrückens und Korrigierens setzt ein und führt dazu, dass zuletzt alles im Haus verrückt ist, alles und jeder.
Auch dem Beistelltischchen sah man diese Bosheit nicht an.
Dabei konnte man es bereits stilistisch nirgendwo hinstellen.
Irgendwie in Spätpostbiedermeier gearbeitet, mit einem Hauch Bauhaus.
Fanden wir.
Country-Style mit Loft-Touch.
Mit südfranzösischem Charme blinzelte es barock-kokett, nordisch-sonnig, retro-futuristisch rätselhaft aus der Pressplattenwüste, welche ein modernes Möbelhaus üblicherweise darstellt.
Es oszillierte zwischen allen Stilen, die uns gefielen.
Wir verliebten uns in das Beistelltischchen wie in eine verwunschene Hexe.
Besonders freute ich mich über neue Ablagefläche. Immerzu gibt es ja in der Wohnung etwas abzulegen, hat man Gegenstände plötzlich in der Hand, die nirgendwo hingehören, unaufräumbare Dinge wie Lottoscheine, Parfümröhrchen, Einkaufswagenchips oder Türschlossenteiser. Wir würden da nun also das Beistelltischchen irgendwo beistellen und all sowas drauflegen. Alles durcheinander, passend zum Stil. Ein praktisches Möbel, schien es.
Spätpostbiedermeier passt an sich ja auch überall, vor allem mit einem Hauch Bauhaus.
Das Beistelltischchen war zum Gleichmitnehmen, was bedeutet, dass man in der Toreinfahrt einer zugigen Halle der Warenausgabe eine halbe Stunde darauf wartet, seinen Namen mürrisch ausgerufen zu hören. Dann darf man sich bescheiden melden und so ein Beistelltischchen in dessen Embryonalzustand an sich nehmen, also als flaches Paket, das zu breit ist für den Kofferraum. Schräg geht es dann mit etwas Drücken doch hinein, wobei es im Inneren unheilvoll knackt und kullert.
Zuhause war das Beistelltischchen in nicht einmal drei Stunden zusammengeschraubt, und ich freute mich wie immer besonders darüber, dass auch diesmal einige Kleinteile übriggeblieben waren für meine große, bunte Kleinteilekiste.
Nun brauchte das Beistelltischchen nur noch beigestellt zu werden.
Es fand sich ein wunderbarer Platz, wenn wir bereit wären, die dortige Stehlampe woanders stehen zu lassen.
So etwas in der Art hatten wir uns schon gedacht, kein Problem natürlich, nur dass dort, wohin die Stehlampe exilieren könnte, keine Steckdosen vorhanden waren. Außerdem benötigten wir in der Gegend, wo nun die Stehlampe stehen und leuchten sollte, genau besehen gar kein Licht. Es sei denn, dass sich der Leseort dorthin verlagerte, zu erreichen durch eine großzügige Umdisposition der Sitzgruppe.
Wir gingen zügig ans Werk, denn es dunkelte bereits und die Stehlampe war offline.
Nach Umrücken der Sitzgruppe inklusive beachtlichen Staubflockenwirbels erwies sich nunmehr der davor liegende Teppich als falsch formatiert.
Auch konnte man nicht mehr fernsehen.
Die Tonboxen der Stereoanlage strahlten sinnlos in Richtung Beistelltischchen.
Uns schwante, dass sich mit der Anschaffung des bereits stark an Sympathiewerten schwächelnden Beistelltischchens unsere gesamte Wohnsituation radikal umkrempeln könnte.
Nichts wäre mehr wie vorher.
Es war wie mit dem Weltklima und dem Flügelschlag eines Schmetterlings. Nur, dass das Beistelltischchen gar nichts tat, sondern einfach nur herumstand, während vielmehr unsere eigenen Flügelschläge deutlich zunahmen.
Wir beschlossen nämlich, die Tonboxen freizubauen, was das Freiräumen mehrerer laufender Meter Bücherregale mit sich brachte. Hinter den Regalen waren die Lautsprecherschnüre verlegt und, was uns erstaunen ließ, die Regale miteinander und der Wand verschraubt. Unter Kopfschütteln über unsere einstige Gründlichkeit lösten wir die Schrauben, worauf sich besonders eines der Regale sofort entschlossen vornüber neigte. Immerhin fing ich es ab, und wir legten es auf den beachtlichen Berg ehedem sehr schön sortiert eingeräumter Bücher.
Wir schauten uns in einer immer unwirtlicheren Wohnwelt um. Eine eilends hergebrachte Werkstattleuchte tauchte die verstellten Möbel, Bücher und Verpackungsmaterialien des Beistelltischchens in ein gespenstisch-fahles Licht.
Endzeitstimmung.
Zweifellos, so wurde uns klar, müssten Regale, Sofa und Fernsehtisch einen Ringtausch vereinbaren, der aber erst nach dem Renovieren der merkwürdig verrußten Regalwand erfolgen konnte.
Es war auch, schien uns, ein Sessel zuviel, plötzlich.
Besonders heimatlos und entwurzelt wirkte in diesem beträchtlichen Chaos eine erwachsene Phönix-Palme, hinter welcher wir zu Recht Steckdosen vermutet hatten, die sich allerdings als stromlos erwiesen, was in Vorzeiten der Anlass gewesen sein mag, dort die Palme zu stationieren.
Auch wir zwei Menschen wussten nun endgültig nicht mehr, wohin wir gehörten. Auf den Sitzen die vielen Bücher, auf dem Boden auch und Pappe und Werkzeug, Palmenblätter und Lautsprecherschnüre.
Eine Flucht war bereits fast unmöglich. In unerreichbaren Tiefen der Wohnung fiepte das Telefon.
Dann war nur noch Nacht und Verzweiflung.
Allein das retro-antike Beistelltischen schien irgendwie asiatisch zu grinsen, was mit seinem uns erst spät offenbar gewordenen Herstellungsland zu tun haben könnte.
Was würde nun werden?
Gab es eine Möglichkeit, weiterhin in dieser Wohnung zu leben? Als Beistellmenschen?
Oder sollten wir erstmal ins Hotel?
Wieder einmal begriffen wir viel zu spät, dass es überhaupt nur ganz wenige Dinge auf der Welt gibt, die zueinander passen, von Menschen ganz zu schweigen. Und wenn etwas halbwegs passt, sollte man die Finger davon lassen.
Das ist ein Geheimnis, das ich jetzt gern auf einen Zettel geschrieben hätte und den Zettel auf etwas Ablagefläche gelegt.
Mit meinem Vorschlag „Vielleicht machen wir einfach das Schlafzimmer zum Wohnzimmer und umgekehrt?” erntete ich einen Weinkrampf. Trösten wollend, stapfte ich mutig durch das Chaos, rutschte aber auf etwas Zellophan aus und stürzte ausgerechnet auf das neue Beistelltischchen, das problemlos vollständig und entsorgungsgerecht zusammenbrach.
Das war das Beste, was uns an diesem Tag widerfuhr.
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Bitte um geschichtliche Ruhe
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Ein entschlossener Anfangsechziger, wie man sie auf Kreuzfahrten sah, wenn sie mit senilem Elan ans Buffet marschierten, stieg die Treppe des Volkskommissariats-Gebäudes hinauf. Obwohl der Mann ins Hecheln kam, verfluchte er mit lauter Stimme die Neue Bescheidenheit.
„Es lebe der Minimalismus, haha!”, rief er mehrere Male. „Scheiße auch!”
Letzteres keuchte er nur noch.
Schwarze Punkte tanzten zwischen seinen Augen und der auf höchster Treppenstufe kürzlich errichteten Toleranzgöttin in Schaubeton.
„Schlampe!”, brachte er noch hervor.
Die Hauswache hatte ihn längst eingescannt: Anselm Biderus, 62, Professor der Ästhetik, nicht vorbestraft, politisch bislang unauffällig, aber, was zu denken gab, online extrem wenig präsent. Nicht mal ein Profil auf irgendeiner Sex-Seite. Wollte sich hier jemand verstecken? Nicht einmal die Petition für den Datenschutz hatte er unterschrieben, damals, zur Parteienzeit.
Ein Sonderling, der sich nun endlich entfalten könnte. Aber was tat er stattdessen?
Anselm Biderus schritt, schwer atmend, schnurstracks in den Flur und trat ohne zu klopfen in das erstbeste Zimmer, wo gerade Sissi Pedow im Auftrag der Revolution ein Festbankett zum ersten Jahrestag der Neuen Bescheidenheit organisierte.
„Kann man denn, bitte, weltgeschichtlich gesehen mal FÜNF MINUTEN SEINE RUHE HABEN!”, donnerte Biderus sie an.
„Jetzt bin ich wieder raus”, stöhnte die junge, aber rasant alternde Frau. „Du hast dich in der Tür geirrt, Bürger. Ich kalkuliere gerade Hummerschwänze.”
„Soso, aha, jaja”, schwadronierte Biderus. „Und was ist mit meiner Umsturzphobie? Ich bin ärztlicherseits von Revolutionen und Zusammenbrüchen aller Art befreit.” Er knallte ein Papier auf den Tisch. „Kriege ich Kopfschmerzen von.”
Sissy Pedow hob den Kopf und ließ entgeistert den Katalog der Cateringfirma „Fast Food Revolutions” fallen.
„Das 'Offene Ohr' ist im ersten Stock, links die zweite Tür.”
Biderus stützte, immer noch erschöpft vom Treppenaufstieg, beide Arme auf dem Schreibtisch.
„Zum einen hinein, zum anderen hinaus, wie? Ich darf mich nicht aufregen. Man ist im Alter schon mit Zusammenbrüchen im Körper völlig ausgelastet. Jede Woche droht ein anderes Organ mit Rücktritt. Langeweile, verstehen Sie, kann etwas sehr, sehr Schönes sein. Es war nicht alles schlecht in der Spaßgesellschaft. Die Leute hatten einen geregelten Drogenkonsum und waren weg von der Straße. Die Straße! Die Straße weiß doch meistens keinen Weg. Darf ich mich mal setzen?”
Sissy Pedow passte das alles nicht. Sie musste heute auch noch das Sechs-Gänge-Menü für die „Aktivisten des Minimalismus” zusammenstellen. Sterneköche aus ganz Deutschland waren dazu in ein freiwilliges Kreativcamp eingeladen worden. Vor allem die Formulierung, dass der Aufenthalt den Beibehalt der gastronomischen Rangzeichen sichern werde, ließ über den etwas großzügig ausgerollten Stacheldraht hinwegsehen.
„Verstehst du nicht, Bürger? Ich habe zu tun. Im ersten Stock ist das 'Offene Ohr'”, sprach Bürgerin Pedow, so sanft sie konnte.
„Alle haben immer nur zu tun”, knurrte Biderus, der sich gesetzt hatte. „Immer das Gleiche bei diesen Umstürzen. Alles rennt aufgeregt durcheinander, und das letzte Wort hat jedes Mal irgendeine biestige Bürokratie. Es gibt nichts zu kaufen, und man schläft schlecht. Was ist das 'Offene Ohr'?”
„Ein Loch in der Wand, soweit ich weiß.”
„Und dahinter? Sitzt jemand dahinter oder wie?”
„Nicht doch, das verbietet der Datenschutz. Niemand wird mehr abgehört.”
„Soso, dem 'Offenen Ohr' kann ich alles anvertrauen.”
„Ohne Bedenken.”
„Das 'Offene Ohr' hält dicht.”
„Wie Abrahams Schoß.”
„Verstehe.”
„Na also”, sagte die Catering-Kommissarin. „Gehe nun, Bürger! Du gefährdest ein Freudenfest.”
„Freudenfest, verstehe.” Biderus sackte ein wenig zusammen.
„Als Ästhet hat man wenig Freude in solchen Zeiten.”
Es ist ein Test, durchschoss es Sissy Pedow. Sie testen mich, ob ich würdig bin, Stopfleberpasteten auszuwählen, die den Ansprüchen der höchsten Anspruchslosen gerecht werden.
„Als Ästhet hat man viel Freude in solchen Zeiten”, sprach Sissy Pedow kalt und mannhaft.
„Wie? Was reden Sie da für einen Unsinn?”, fuhr es erregt aus Biderus. „Schauen Sie sich doch um! Viel zu viele Fahnen! Viel zu viel Lärm! Lärmschutz wird in Umstürzen ja leider immer kleingeschrieben, solange es keine Rechtschreibreform ist. Mir reichen schon immer diese Gewerkschafts-Trillerpfeifen, auf die keiner hört. Bloß ich. Ich puste ja rein und habe dann den Tinnitus.”
„Die Scheingewerkschaften sind überwunden. Ich bitte dich, Bürger, dringend, das zu bewundern”, stammelte Sissi Pedow schlotternd. Wie lange würde ihr freiheitliches Selbstbewusstsein der Prüfung standhalten? Und was war mit der Buttercremetorte für die Asketen-Lounge? Wenn sie weiter so trödelte, würde die ganze Minimalismus-Orgie noch ins Wasser fallen, und das brächte ihr einen großzügigen Unterstützungsaufenthalt in einem dieser mentalen Kurorte ein, aus derer einem ihr letzter Freund ohne Zeigefinger zurückgekehrt war.
Aber der unheimliche Gast ging und ging nicht.
„Und ganz schlecht bin ich in Sprechchören, ganz schlecht”, seufzte Biderus. „Verpasse jedes Mal den Einsatz. Wenn ich zwei Sekunden später als die anderen ‚Redefreiheit für alle!' brülle, knurrt immer ein Nebenmann ‚Halts Maul'.”
„Höre bitte auf, Bürger, bitte!”, stammelte die junge Frau tischdeckenbleich.
„Dann hört man ja so Sachen”, setzte Biderus in seiner ästhetischen Raserei fort, „also nicht aus diesem Land, sondern von richtigen Revolutionen, wo es Straßenkämpfe gibt und andere Ordnungswidrigkeiten. Barrikaden zum Beispiel. Mögen an sich eine feine Sache sein. Aber wenn man es eilig hat, und das Auto steht sowieso schon im Halteverbot, und dann noch hochkant. Das bringt uns nicht weiter, Freunde.”
„Bürger...?”
„Biderus, meine Gute, Biderus. Professor der Ästhetik. Ich habe Zeit.”
„Und du bist ausschließlich und hauptberuflich...?”
Biderus starrte zunächst verdutzt. Dann löste sich langsam eine Verspannung im Raum.
„Ach, du meine Güte, Sie denken, ich..., Sie meinen, dass ich..., also da sieht an ja wirklich mal..., diese Zeiten... armes Ding, arme Dinger ihr alle!”
Sissy Pedow sah Biderus starr und direkt an. Ein Nicken glaubte der ratlose Professor in ihrem Blick zu erkennen, und plötzlich zog Sissy ihrerseits ein Blatt Papier aus der Schublade, schob es verdeckt über den Tisch und sprach, während sie das Freistellungsattest des Professors einzog, mit überdreht lauter und fester Stimme: „Jedenfalls werden wir dein Lieferangebot überprüfen, Bürger. Hartkäsevariationen auf Frühlingskeksen.”
„Wer redet von Frühlingskeksen? Ich bin Geisteswissenschaftler, ich habe nicht mal ein Backbuch.”
Verstört nahm Bideus den Papierbogen entgegen. Die Frau stand automatenhaft auf.
„Wir werden uns bei Hartkäsebedarf mit dir in Verbindung setzen, Bürger.”
„Hartkäsebedarf? Ja, nun, ich werde mich unter Kollegen mal umhören...”
„Nichts für ungut.”
„Nichts für ungut.”
Da stand er auf dem weiten Flur des Kommissariatsgebäudes, beschloss aber, es umgehend zu verlassen, bevor noch jemand mit Keks und Käse Ernst macht.
Wieder auf der Straße, von den Pförtnern mit einem eisigen „Ewiges Glück dir, Bürger!” verabschiedet, las Biderus unter stockendem Atem den Inhalt des zugeschobenen Papiers. Es war ein Flugblatt der „Bewegung für keinerlei Bewegung”.
‚Mein ganzes Reden', dachte Biderus sofort.
„Die BfkB kämpft mutig und entschlossen für geschichtlichen Stillstand ohne personal- und kostenintensive Revolutionen und Umstürze. Diese erzeugen nach grundlegender Überzeugung der BfkB nur irrationale Feindbilder und neue Korruption.”
‚Die Leute haben den Daumen drauf', staunte Biderus und las weiter.
„Formiert euch also, Umsturzunwillige und stürzt umgehend die Umstürzler! Reiht euch ein und kämpft für einen kampflosen Zustand! Selbstmordattentäter zahlen die Hälfte. Nieder mit Fort- und Rückschritt! Es lebe gar nichts!”
‚Oje', dachte Biderus, ‚der reine Hartkäse.'
Aber Ästheten wurden sicher auch hier nicht gebraucht.
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Nichts kann gutgehen
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Es war auch bei der Einführung der einzellagigen Wurstscheibenverpackung so.
In dem Moment, da ich an den Tresen herantrat, glühte meine Seelenverwandtschaft mit Kassandra auf, Tochter des Priamos, zauberbewehrt und schön wie der Morgen in einer türkischen Ferienclubanlage. Sie konnte in die Zukunft schauen, aber keiner glaubte ihr, was in etwa das Gegenteil eines Meteorologen ist. Sie hätte, vor den gleichen Wursttresen gestellt, meine Rede geführt, der ich sofort bei mir sagte: "Einzellagige Wurstscheibenverpackung - das kann ja nicht gut gehen."
Beim Barte Aphrodites, ebenso wäre ihre Rede gegangen! Und vielleicht hätte sie als Trojerin Hammelwürstchen vermisst.
Natürlich lohnt es immer, wenn man wie ich ab und zu ganz gerne Recht hat, zu sagen: "Das kann ja nicht gut gehen."
Aber an diesem Vormittag rutschte es spontan aus mir heraus.
All die schönen frischen Wurstscheiben, die sonst so grazil mit einer spitzen Gabel auf die Waage geliftet wurden, lagen dieses einen unglückseligen Tages laminiert wie Führerscheine im bläulichen Streulicht der üblichen Mausoleumsbeleuchtung. Sie erinnerten nun eher an polizeiliche Beweismittel denn an Esswaren.
Der dralle Wurstwarenfritze hinter dem Tresen strahlte auch streuend. Ich strahlte, unter Schock stehend, nicht zurück. Aber das kannte er von seinen Schweinen. Es störte ihn nicht.
‚Wie kommt man an das Essen?', fragte ich mich wie ein Affe vor der Kokosnuss.
Das kann ja nicht gut gehen.
Hier passte es mal wieder wunderbar.
War es doch mit Sicherheit nur eine Frage der Zeit, bis die große Welt-Folienkrise auch über seine Leberkäseberge hereinbräche. Wer würde dann noch die astronomischen Folien-Quadratmeterpreise bezahlen, wenn sogar die Polizei ihre Beweismittel wieder in von zuhause mitgebrachte Marmeladengläser einschraubt?
Mein heute wie ein Masthähnchen stolzierender Wurstwarenfritze würde einfach wieder zur spitzen Gabel greifen wollen. Gleichzeitig jedoch fiele die erste Kundin in Ohnmacht, bevor sie ausrufen wollte: "Die Wurst liegt hier ja offen herum!"
Schulterzucken, soweit an ihm noch erkennbar, dem massigen Wurstverkäufer.
"So frei herumliegend", würde die blöde Ziege kreischen, wenn sie nicht sofort in Ohnmacht gefallen wäre, "hält sich der Bierschinken ja keine drei Wochen!"
Das hatte er davon, der feine Herr Erneuerer.
Eine folienhörige Kundschaft hatte er am giftigen Busen seines Kundendienstes erzogen, von einem pathologischen Hygieneverständnis geprägt. Nichts, außer dem Verkäufer, erinnerte dann noch an die Vergänglichkeit von Frische.
Schauen wir doch zurück, an den anderen Zipfel der Zeit.
Wenn die Wurst in früheren Zeiten, die man erdgeschichtlich Präfolium nennen könnte, "einen Hicks hatte", wurde sie kurzerhand aufgebraten, statt die Hygieneinspektion anzurufen oder zur Primetime einen Lebensmittelskandal auszuschlachten.
Den "Hicks" hatte die Wurst nach dem Aufbraten zwar oft immer noch, aber man "ließ ja nichts umkommen", von sich selbst abgesehen.
Der komplette Zyklus von Werden und Vergehen war am Kühlschrankinneren abzulesen, während in der heutigen Epoche die Zeit luftlos stillstand, gelähmte Bakterien in Vakuumstarre aus dem Zellophan starrten und die Schinkenpolnische ihr trügerisches Wangenrot unverändert durch die Jahre schleppte.
Es war wie bei diesen Moorleichen.
Erst, wenn sie am Ufer aufgebahrt werden wie die Wurstscheiben eben auf dem Brotzeitteller, verwesen sie im Zeitraffer, weil so schrecklich viel an ungelebtem Leben nachzuholen ist.
Das Bild mit den Moorleichen hinkt, obwohl Bilder nicht hinken, was übrigens auch ein hinkendes Bild ist.
Die Moorleiche einer steinzeitlichen Teenagerin sieht bereits vor Bergung nicht mehr so recht appetitlich aus. Vielleicht hätte ich ein "L" streichen sollen und Mooreichen nehmen sollen, aber nun ist es zu spät. Der Leser ist schon eine Seite weiter, und ich hätte mir gleich denken können, dass das nicht gut gehen kann mit solchen Vergleichen.
Auch dieser Text kann nicht gut gehen.
Alles verdirbt nun mal.
Da ist wieder der Kassandra-Komplex.
Nichts kann gut gehen.
Neunzehnvierzehn die große Begeisterung. Die gleichen Gesichter wie hinter dem Wursttresen.
Und es ging nicht gut.
Noch was?
Asbest.
Wie?
Hat man doch wohl auch bereut.
Obwohl es schon immer aus dem Griechischen kam. "Asbestos" bedeutet "unvergänglich". Homer war "asbestos", Kassandra war "asbestos".
Talkum, hat man gerade herausgefunden, ist genauso gefährlich wie Asbest. Sollte der geneigte Leser also zum Reck-Turnen neigen, was man ja grundsätzlich tolerieren muss, solange es nicht über meinem Sofa stattfindet oder allgemein verordnet wird, dann pudere er seine Hände nicht in Talkum! Krebs ist ein hoher Preis für eine halbe Stunde lustig herumbaumeln.
Das bekannte Muster. Tun - Bereuen.
Die Welt ist eindimensional.
Das kann ja nicht gut gehen.
"Was soll's denn nun sein?" knurrte mitten in meinen weltläufigen Überlegungen der Wurstfritze.
"Ja, gute Frage", schindete ich Zeit. "Haben Sie auch was Nichteingeschweißtes?"
"Natürlich, selbstverständlich", knurrte er mit seiner Tierkillerstimme.
"Ja, dann", sagte ich überrascht, "dann bitte zweihundert Gramm Kochschinken."
Er warf die Schinkenscheiben in einen komischen Trichter, worauf sie, einzeln eingeschweißt, unten herausglitten.
Ich habe sie noch heute.
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Wie das normalerweise läuft
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Normalerweise läuft das so: Gleich nachdem der Schlitten mit dem ganzen Plunder von den gedopten Rentieren weggekarrt ist, nimmt sich Santa Klaus einen ordentlichen Schluck „Geist der Weihnacht” und düst tags drauf frisch rasiert nach Thailand.
Dann können sie ihn alle mal, wie er immer sagt.
So läuft das, normalerweise.
Zurück bleiben ein paar Wichtel für die Reklamations-Hotline, wo es nichts ausmacht, dass man nur Finnisch kann.
„Finish”, murmelte Santa Klaus auch dieses schönen Weihnachtsabends beschwipst.
Er war mal wieder im Finish.
Auf dem Tisch warteten schon die bunten Hemden mit halbem Ärmel darauf, zärtlich gefaltet zu werden. Ein Urlaub ohne bunte Hemden ist ja wie Weihnachten ohne Lebkuchen. Eine physikalische Unmöglichkeit.
In Thailand war er nur ein ganz gewöhnlicher Alleinreisender, der gern mal einen Cocktail ausgab. Nur sein „Ho-ho-ho!” erschreckte nachts die Mädchen.
Es würde mindestens eine Woche dauern, bis ihm Thailändisch so sehr auf die Nerven ging wie dieser spezielle, nordfinnische Wichteldialekt.
Vor allem dieses „Minä en tiedä”.
Wenn es hieß: „Verdammt, wo sind die grauen Schleifen für das City-Design?”
„Minä en tiedä!”
„Welcher Idiot hat den Flachbildschirm gefaltet?”
„Minä en tiedä!”
Sie wissen es nicht, sie wissen gar nichts.
Das macht allerdings ihre Entlohnung einfach.
Lernt man sie näher kennen, die lebenslang alt aussehenden Wichtel, ist man immer wieder aufs Neue über ihren Wissensstand entsetzt. Verdammt froh müssen sie sein, dass es so etwas wie Weihnachten gibt, mit dieser primitiven Logistik: Haben wollen - kriegen. Die älteste Geschichte der Welt. Liebe kaufen.
Santa Klaus hielt die Schnapspulle senkrecht über den leeren Kaffeepott, aber nichts tropfte heraus. Wie konnte das sein, dass die Heiligabend-Flasche Jahr für Jahr immer eher ausgetrunken war? Sucht? Kundentäuschung?
Obwohl Santa Klaus endlich einmal so ganz für sich war, rief er donnernd „Wo ist der ‚Geist der Weihnacht'?” und stürzte aufgebracht ins Freie, wobei er ein, zwei Weihnachtsbäume umriss.
Überall lauerte dieses Gestrüpp.
Aber egal.
Es war Heiligabend, die Show war gelaufen.
Nur Ruprecht musste auf seinem Rundflug mit dem Schlitten hier und da ein paar Kinder verprügeln. Da mochte Santa Klaus höchst ungern dabei sein. Das eine Mal reichte. Ruprecht hatte eine geschlagene Stunde lang das Reisigbündel durch die Luft pfeifen lassen, und die Eltern, die ihn anfangs noch anfeuerten, bettelten nun um Abbruch. Und das ganze Kinderblut an der Tapete... wie Ruprecht diesen Job nur aushielt!
Santa Klaus erschien persönlich nur noch gegen Aufpreis, den wiederum seit vielen Jahren leider niemand mehr bezahlte.
Er wusste auch warum.
SIE steckten dahinter.
Alles eine Intrige der Kostümverleiher. Lächerlich.
Santa Klaus stak ins Freie.
Lauer Wrasen hing in der Luft, seit der Nordpol abtaute. Wenigstens hielt das die Affen von Disney auf Distanz.
Ein ruppiger, lauer Südwest trieb aufgerolltes Lametta über den fahl im Neonlicht glänzenden Zementboden des Schlittodroms.
Weihnachtsromantik halt.
Santa Klaus riss in einer Hitzewallung das Futter aus dem Mantel und warf es in den Wind, der es gierig mitnahm. Ho-ho-ho! In Thailand würde es nicht mal mehr den schlackernden Fetzen brauchen! Das würde todsicher wieder ganz toll da unten. Was verstand denn Ruprecht schon von Massagen? Gar nichts, wenn man ehrlich war.
Noch ein, zwei Schluck bitte, und Santa Klaus würde die bunten Hemden mit dem halben Ärmel in den Hackenporsche legen und vor allem die Kondome mit dem Tannenzapfenmotiv.
Noch ein, zwei Schluck bitte.
Er starrte in die von den Peitschenlampen gebleichte Polarnacht.
Eine gespenstische Stille lag trotz des flackernden Windes über dem Gewerbepark. Durch die Wände aus Nieselregen drang einzig aus den Wichtelbaracken etwas, das sie hier Tango nannten. Ach ja, und Ulf, der pensionierte, weil arthritische Rentierbock, humpelte traurig über die längst freigetauten Rasengittersteine der Einfahrt und hielt vergebens nach den feschen Ricken Ausschau. Die waren jetzt weit irgendwo über dem Atlantik und kämpften mit dem Druckausgleich.
Als Ulf endlich vorbeigehumpelt war, erspähte Santa Klaus im Gebüsch etwas Glänzendes.
Na sowas! Eine Flasche doch nicht etwa oder wieder nur tauber Baumschmuck?
Santa Klaus stapfte durch das typische Weihnachtsmistwetter über den porigen Zementboden, was übrigens Ulf noch einmal aufschreckte, sodass dieser in Richtung Streichelzoo davontrabte, um noch etwas vom Leben zu haben.
Santa Klaus hatte sich tatsächlich nicht getäuscht.
Da lagerte wirklich im Unterholz eine prallvolle Flasche von dem herrlichen Fichtenschnaps „Geist der Weihnacht”! Sechs Wochen gelagert! Zwei-einhalb Sterne! Großer Ehrenpreis auf der lappländischen Spirituosenmesse in der Kategorie „Forstbranntweine”!
Eben wollte Santa Klaus sich nach dem guten Tropfen bücken, den Freudenspender bergen, das Fichtenfeuerchen in die Stube holen, damit es bald die Speiseröhre zum Glühen bringen mochte, heißa, heißa, heißa! Eben also wollte er sich bücken, vorsichtig, wegen der Bandscheiben doch, als er infolge der bereits geleerten Flasche das Gleichgewicht einbüßte und auf etwas Wabbliges, Rülpsendes fiel.
Wabblig und rülpsend waren nur zweierlei Dinge oberhalb des Polarkreises: Eisbären und Knecht Ruprecht. Ruprecht konnte es eigentlich nicht sein um diese Zeit am Heiligabend, aber verdammt noch mal: er war es doch!
Santa Klaus sprang auf im Nu, wobei es in der Seite stach. Entgeistert starrte er abwechselnd in Flugrichtung des Geschenke-Schlittens wie auf seinen Knecht.
Meine Güte, sah der fertig aus. Was machte dieses Viech von Kerl nur mit der ganzen Body-Lotion, die Santa Klaus ihm geschenkt hatte, 1912, soweit er sich erinnerte?
Was machte der überhaupt noch hier, heute Nacht? In der ganzen Welt wartete man zur Stunde auf das wichtigste Korrektiv zur Kuschelpädagogik!
Freilich, seit einigen Jahren prügelten zunehmend die Kinder zurück. Einmal war mit einer Sportwaffe sogar auf ihn geschossen worden. Aber deswegen drückt man sich doch nicht vor Weihnachten! Wenn sie schießen, dann schießen sie eben. Weihnachten bleibt Weihnachten!
Santa Klaus rappelte sich zu voller Leibeshöhe auf, um Ruprecht zunächst zornbebend in die Seite zu treten.
„Sa'ma, spinnst du?”
Der Getretene schlug die Augen auf und griff reflexartig nach der Flasche „Geist der Weihnacht”, die Santa Klaus jedoch geistesgegenwärtig wegschnappte. Ruprecht hob den Kopf und erkannte, mit wem er es zu tun hatte.
„Klausi?”
„Ja, denkst du vielleicht, der Osterhase?”
Und Santa Klaus trat ein zweites Mal in die wabbelige Seite.
„Was soll'n das, Rups? Es ist Weihnachten, du Pfeife!”
„Klar ist Weihnachten”, brabbelte Ruprecht, der keinen Schmerz kannte. „Der Schlitten ist ja auch los.”
„Und wer, zum Henker, hält die Zügel?”
„Na Pekko doch.”
Santa Klaus glaubte, sich verhört zu haben.
„Pekko? Problemwichtel Pekko? Der hat doch nich ma Führerschein!”
„Prügelt aber klasse.”
„Ha!”
Santa Klaus stiefelte vor verzweifelter Fassungslosigkeit einmal im Kreis herum.
„Das ist Meuterei! In Tateinheit mit Mythenschändung! Pekko, der Problemwichtel! Dass ich nicht lache!”
„Kannste machen. Kannste einfach lachen”, stammelte Ruprecht in seiner Trunkenheit.
„Pekko!”, keuchte Santa Klaus immer wieder.
„Er hat erst letzte Woche einem Engel ein Veilchen verpasst!”, warf Ruprecht lobend ein.
„Einen Engel zu verprügeln ist keine Kunst!”
„Kunst, Kunst! Wann kommt man denn überhaupt noch zur Kunst!„, klagte Ruprecht.
„Neuerdings wollen sie nur noch, dass man droht statt zu prügeln. Irgend so ein Waldorfquatsch. Ein bisschen ‚du-du' mit der Rute und fertig.”
„Und fertig?”, staunte Santa Klaus nun allerdings nicht schlecht.
„Und da hast du dann”, fuhr Ruprecht zeternd fort, „das saftige Kind so schön auf Hieblänge vor dir, die rosigen Backen, und es hat die Prügel mehr als tausendfach verdient, und du darfst nicht! Du musst stattdessen dem Ungeheuer Wertsachen aushändigen, von denen die windelweich gehauenen Gören im Mittelalter nicht einmal zu träumen wagten!”
In Santa Klaus war angesichts all dieser Neuigkeiten eine große Unruhe gefahren. Sein Herz pochte beängstigend. Erregt lief er weiterhin auf und ab, barmte „Der Schlitten muss augenblicklich umkehren!” und verlangte nach Entsendung einer Brieftaube. Doch denen, wies ihn Ruprecht zurecht, war das Magnetfeld abhanden gekommen. Sie erreichten nach jüngsten Messungen nur noch eine Richtungsgenauigkeit von plus minus dreihundertsechzig Grad.
„Nun, vielleicht,”, warf Santa Klaus in fahriger Nervosität ein,
„rücken die Wichtel eins von ihren kleinen, finnischen Dingern raus, mit denen sie durch die Luft sprechen. Wir müssen doch etwas tun!”
Der Regen hatte zugenommen zu einem richtigen strammen neuzeitlichen Weihnachtsregen.
„Ab ins Haus!”, rief der Alte mit seiner Chefstimme, „Vielleicht finden wir was Brennbares für Feuerzeichen oder so.”
Ruprecht fragte sich seit Langem, in welcher vorsintflulichen Weihnachtswelt sein Schwager lebte. Seit Ruppina gestorben war, hatte der Alte immer weniger den Tatsachen ins Gesicht sehen wollen: einem Waldgrundstück halt mit schwacher Wertentwicklung, basta. Ach, Ruppina! Sie hatte die gleiche herrliche Begabung zum Prügeln, und ihr Unfalltod beim Auftauen der Baumbeleuchtung im bisherigen Permafrostboden war sicher eine Erlösung für Santa Klaus. Aber er ließ sich als Witwer zu sehr hängen, verschlief Trends. In einer Modezeitschrift - sie kreiste unter den Wichteln - fand Ruprecht den Weihnachtsmann eines Tages in der Rubrik „Don't” aufgeführt, nachdem er zuvor schon vom „Must have” zum „Nice to have” gesunken war, ohne davon alarmiert zu sein.
Sein Tunnelblick, Ruprecht wusste das von seinem Chef und Schwager, starrte auf Thailand.
„Der Schlitten! Umkehren! Neu los!”, schrie Santa Klaus mit sich beinahe überschlagender Stimme.
„Und wozu bitte schön?” Ruprecht warf gelassen die nassen Klamotten auf den Holzboden der Chefhütte und griff sich eine rotgrüne Wolldecke.
„Sämtliche Schenkziele”, erklärte er dabei in trauriger Gelassenheit,
„sämtliche, haben dieses Jahr ‚deaktivieren' angeklickt.”
„Was?!” Es haute Santa Klaus schon wieder um.
„Das gibt's doch gar nicht! Du bist doch kostenlos! Wie unser Newsletter!”
„Überflüssig bin ich jetzt, Klausi. Bis auf das Blutdoping der Rentiere um Totensonntag.”
„Na, immerhin”, entkam es Santa Klaus.
„Mann, Klausi, eine jämmerliche Woche mit der Spritze Rentierärsche jagen! Im Dunkeln! Macht doch alles keinen Spaß, Mann!”
Was war nur los? Schwarze Punkte tanzten Santa Klaus in den Augen. Ein führerloser Schlitten, eine halbe Kündigung am Heiligabend...
„Wir sind nicht zum Vergnügen hier! Wir sind Soldaten der Bespaßung, Ruprecht! Wir haben... wir haben den Weihnachtseid geleistet!”
„Anfechtbar und sittenwidrig!”, widersetzte der Gescholtene, der, in die Decke gewickelt, nun wie eine alte Frau aussah, die wie ein alter Mann aussieht.
Ratlos irrte der Blick des Weihnachtsmannes umher.
„Weißte was?”, sagte Ruprecht, „In der Halloween-Abteilung suchen sie Leute.”
„Halloween! Dafür musst du tot sein!”
„Na und? Die Ansprüche steigen eben in dieser ganzen Eventkultur.”
Santa Klaus sank in seinen kitschigen Schaukelstuhl, der nicht unwesentlich zur Deformation seiner Bandscheiben beigetragen hatte.
„Willst du mich denn unbedingt auch noch verlassen, Ruprecht?”
„Komm doch einfach mit, Klausi! Oder wir suchen uns was Neues! Pfingsten ist noch gar nicht groß besetzt!”
Santa Klaus fühlte sich plötzlich vollkommen verloren. Eine seltsame Kälte stieg von den Beinen hinauf. Das war, er kannte das, die Einsamkeit eines Weihnachtsmannes.
„Wenn ich wenigstens ein bisschen Familie hätte!”
„Dann würdest du jetzt Weihnachten feiern, Klausi.”
„Haste auch wieder Recht.”
Aus den Wichtelbaracken schepperten von fern die Maschinengewehrsalven des Spätfilms.
Ulf, das arthritische Rentier, flirtete röhrend mit der Restmülltonne.
Da stürzte wie aus dem Nichts einer der wenigen sprachkundigen Meldewichtel in die Stube.
„Ja, was ist denn nun noch!?”, donnerte Santa Klaus mit puterrotem Gesicht.
Der Wichtel machte einen Knicks und piepste: „Der Schlitten ist umgekippt.”
„Wie? Wieso?”
Aus dem Puterrot wurde ein Altschneeweiß.
Der Wichtel knickste wieder mädchenhaft. „Minä en tiedä!”
Santa Klaus griff sich ans Herz.
Seine Gesichtsfarbe wechselte ins LED-Bläuliche.
Ruprecht, der Massage-Trottel, erkannte zwar sofort den Ernst der Lage, konnte aber nichts ausrichten.
Es war einfach zuviel.
Auch zuviel „Geist der Weihnacht”, wie die Obduktion ergab.
Die Kostümverleiher hatten endlich Recht: es gab keinen Weihnachtsmann.
Ulf, der arthritische Rentierbock, stieß einen erschütternden Klagelaut aus. Weswegen auch immer.
Ruprecht lief ein Träne über jenes Gesicht, das doch so ungerührt Kinder weinen sehen konnte. Er überschrieb zum 1.1. den Wichteln das Waldgrundstück und ging in die am Polarkreis aufblühende Erdgasförderung. Rund um die Uhr sauten sie da mit ihren Tiefenbohrungen herum. Rund um die Uhr, außer zu Weihnachten natürlich.
Da sangen sie an Orten, die sie Zuhause nannten, „Stille Nacht.”
Wie das normalerweise so läuft.
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