Nr.35 / Juli 2010

Der übermäßige Fußballkonsum begann bereits, im Gehirn die restliche Wirklichkeit zu prägen.
Von manchen Passanten und Autos nahm ich plötzlich an, dass diese sich im Abseits befänden.
Warum pfiff hier keiner!
Auch begann etwas in mir, auf Nachspielzeit zu hoffen. Dann würde ich alles herumreißen.
Oder zuvor ausgewechselt.
*
Das schönste public viewing erlebte ich besuchshalber in einer Orthopädischen Klinik.
Von verschiedensten Metallteilen Verschraubte und Vernagelte humpelten in den Fernsehraum zur Begutachtung der Beweglichen.
Lauter lahme Cyborgs schwadronierten über mangelhafte Fallrückzieher.
Der Triumph des Geistes über das Fleisch.
*
Manchmal verliebe ich mich in bizarre Regel-Ideen. Zwei Mannschaften, die in der k.o.-Runde hartnäckig unentschieden spielen, sollten dazu verdammt werden, für das nächste Spiel eine gemeinsame Mannschaft zu bilden.
*
Beckmanns Analysegeplauder (ARD): unverdünnter Sachverstand wird ungenießbar.
*
"Na, nächste Runde fliegen sie 'raus", hörte ich mehrfach mit Häme, vor allem von Älteren über die deutsche Mannschaft sagen. Seit dem letzten Krieg meinen sie, dass nur Verlieren anständig ist.

Flaschenpost-Zwerg

Die Anforderungen an die neue Besetzung im Schloss Bellevue wurden maßlos überschätzt.
Der Job ist leichter als ein Mopedführerschein.
Geradesitzen vor Deutschlandfahne nebst Weihnachtsbaum und fehlerfrei was ablesen.
Verletzungsfrei Orden anstecken.
Im Falle einer Absperrung dieselbe als willkommene Gelegenheit zum Auf-die-Menschen-zugehen verwenden (Im Unterschied zum ansonsten praktizierten Auf-die-Menschen-Losgehen).
Es ist doch wirklich ein Leichtes. Man hat seine Referendare für Gemeinplätze und ein Schloss mit Park. Ein wenig Trinkfestigkeit wäre opportun. Dafür braucht man selbst nicht zu fahren.
Oberhaupt - das ist es überhaupt.
Der Bundespräsident gibt das Kuscheltier der Nation.
Ganz bewusst wird er doch ferngehalten von jeglichem eigenen Handeln. So hat man immer einen sauberen Anzugträger zur Hand, der vor sich hin mahnen und predigen kann.
Gerade seine Schwäche ist seine Stärke. Tue nichts und rede davon.
Also es ist wirklich ein Job, den jeder machen kann.
Und so ist es dann ja auch gekommen.

Flaschenpost-Zwerg

Das Berliner Stadtschloss ist nun also Märchenschloss.
Alle paar Jahre darf angefragt werden, ob der Staatshaushalt genügend saniert ist, um mit dem Bau anzuheben.
In einer Zeit, in der das Wünschen nicht mehr hilft, lautet die Antwort wohl nie wieder "Ja".
Märchenschloss war es schon in der Planung. Abgerissenes durch Abgerissenes ersetzen. Übertünchen von Geschichte. In der Umkehr glauben, dass es vorangeht.
Das Spiel mit Mythen und Symbolen pflegen, aber kein gestalterisches Wort sagen.
Nun sind die denkmalstürmenden Denkmalschützer in der großen historischen Warteschleife.
Der Geist des Ortes wird auch sicher für eine durchgehende Traditionslinie sorgen:
Kurz vor dem Abriss wird man das Schloss aufbauen.

Flaschenpost-Zwerg

Genug Kassandreskes und in die private Nische geleuchtet:
Eine quälende Gartenfrage ist allmählich: will man Sichtschutz oder Ausblick?
Beides zugleich ist nicht zu haben, denn es gibt (noch) keine nur einseitig undurchsichtigen Pflanzen.
Oder Pflanzen, die sich je nach Kommunikationsbereitschaft lichten.
Manchmal, nein, sehr oft möchte ich zugewachsen sein wie ein Dornröschen, das auf alle Prinzen scheißt.
Andern Tags wird der Zuwuchs als klaustrophobische Enge erlebt. Was tun?
Das noch Lichte ist übrigens Sonntags besonders anstrengend, wenn Heerscharen von Spaziergängern freundlich herübergrüßen. Oft fehlt es den Zaungästen auch nicht an garten-kritischen Bemerkungen. "Hier kann man ja bald nicht mehr durchgucken", wird gern gesagt.
Entgegnet wird verlegener Weise etwas in Richtung "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten". Vor allem nicht das Können.
Die quälende Gartenfrage ist also noch längst nicht entschieden.
Die Sträucher wachsen solange einfach weiter. Sie kämpfen immer um jeden Zentimeter an eigenem Ausblick.

Flaschenpost-Zwerg

Der Vogel im Baum hat genau so eine Palette von animierenden Dudeldeis wie Spielautomaten in Kneipen. Fehlt nur, dass er blinkt.

Flaschenpost-Zwerg

Blumen pflanzen ist wie Feuerwerk legen, nur muss es immer feucht gehalten werden.

Flaschenpost-Zwerg

Lektüre: auch Pflanzenkundliches, auf Pflanzenteilen (=Papier): Joseph Scheppachs Ritt durch die junge botanische Neurologie: "Das geheime Bewusstsein der Pflanzen" .
Der Titel hat immer noch den esoterischen Unterton, den alles hat, was Pflanzen mehr unterstellt als chemischen Automatismus.
Aber gerade im Triumph der wissenschaftlichen Erkenntnis über den Glauben tragen die Esoteriker (einmal wieder) einen heimlichen Sieg davon.
Sie hatten die richtigen Ahnungen. Nur dass sie diese nicht erklären konnten. Jetzt aber erklärt sich wissenschaftlich allmählich, warum es hilft, Pflanzen zu streicheln oder ihnen Musik vorzuspielen.
Pflanzen erweisen sich als hochsensorische und kommunikative Entscheidungsträger. Ihre wichtigste Sprache sind Düfte. (Zur Zeit redet da übrigens alles durcheinander. Vor allem abends werden sie sehr gesprächig.)
Es gibt jedenfalls mehr zwischen Wipfel und Wurzelspitze, als sich der Kleingärtner bislang erträumen ließ. Kleingärtner träumen sowieso nicht viel.
Mit dem Vordringen der Neurologie in die Pflanzenwelt schleicht allerdings auch eine Ernüchterung heran: Es wird gerade in dem Moment, da man die Beseeltheit der Pflanze anzuerkennen bereit ist, eng für die Seele. Wo soll sie denn stecken in einem Organismus, der sich oft beliebig teilen lässt, um neu auszutreiben, der den Lebensimpuls splitten lassen kann beliebig oft oder in toten Körnern aufbewahren auf Hunderte von Jahren?
Wo steckt es, das wollende Ich, ohne das wir Leben nicht denken können?

Flaschenpost-Zwerg

Ist irgendwo schon über das Syndrom des unkontrollierten Mausklicks geschrieben worden?
Ich ruhe auf einer Website, und plötzlich, vollkommen ohne eigenes Dazutun, wackelt der Finger auf der Maustaste und klickt irgend etwas an.
Besonders ärgerlich, wenn es Werbung ist und ich somit scheinbar bestätige, dass Werbeanzeigen auf Webseiten Sinn machen.
Der Finger kann es offenbar nicht mehr länger als zwanzig Sekunden klicklos aushalten.
Oder bin ich schon ferngesteuert?
Bin ich schon ein Äpp? Nicht mehr Herr meiner Ströme?
Wüsste gern, ob das anderen auch so geht und das womöglich hier erstmals beschriebene Syndrom berühmt wird, als UZS (Uncontrolled Zapping Syndrome) oder einfach Google-Finger.
Beim unkontrollierten Klicken bin ich noch nie auf einer interessanten Seite gelandet. Aber das ist ja keine Kunst.

Flaschenpost-Zwerg

zurück
zu allem

Flaschenpost-Archiv: