Aber auch dann immer angemessen, will heißen, dem SMS-Bevorzuger Wilbert sendet Lömann auch nur eine SMS, was ihm schwer fällt, denn er hat dicke Finger und liebt subtile Auseinandersetzungen, ein gewisses Mäandern am jeweiligen Thema entlang, aber die Regeln lassen es nicht zu, Wilbert lässt es nicht zu, der nur SMS verschickt und gewöhnt ist. Andere nur eine Mail. Nur theoretisch könnte man sich in einer Email vertiefend ausbreiten, denn auch von einer Mail wird verlangt, dass sie, sagen wir mal, bündig ist, auf einen Bildschirmblick hin erfasst. Doch wer, wie nun mal Lömann, die Neigung hat, sich literarisch auszudrücken, darin zu gefallen, hat eigentlich kaum noch Möglichkeiten. Das Buch vielleicht, mit einem Buch könnte Lömann, wenn er einen aufgeschlossenen Verlag fände, durchaus auf literarischer Höhe in zumindest ihn befriedigende Kommunikation treten, aber nicht mit Wilbert, der bis an sein Lebensende nur SMS lesen wird, es sei denn, eine noch knappere Mitteilungsweise würde beliebt, etwa Piktogramme. Dafür stünde dann Lömann aber bitte nicht mehr zur Verfügung. Die durchaus noch freundschaftliche Beziehung zu Wilbert würde zum Erliegen kommen, mangels Kommunikation, sobald sich die Kommunikationstechniken weiter entwickeln und vervollkommnen, aber in Ungnade fallen bei einem so ambitionierten Mitteiler wie Lömann.
Ein Buch, schön und gut, wäre immerhin eine Kommunikationsform ins Blaue hinein. Lömann wüsste nicht, wen er erreichte, müsste also mehr unverbindlich formulieren, was keine gute Voraussetzung ist für eine optimale Kommunikation, die funktioniert und befriedigt gleichermaßen, nichts offen lässt, auch den Mitteilenden bereichert, was so gut wie abgeschafft zu sein scheint.
Luisa telefoniert gern. Das gefällt Lömann schon besser, vor allem mit Flatrate, das Tor ist also weit offen, aber Luisa redet leider konsequent vorbei. Luisas prickelnd kühler Redefluss umfließt Lömanns Ohr, er benutzt meist das rechte, aber es dringt nicht so recht etwas ein, ja, wenn Lömann ehrlich ist, haben Wilberts SMS mit Angaben seiner momentanen zeitlichen Belastung mitunter mehr mitzuteilen als eine halbe Stunde Urlaubsschilderung der gut gebräunten Luisa. Deshalb schlägt er meist, aber sehr taktvoll und höflich, Luisas Angebote aus, sich persönlich zu treffen, obwohl es fast keine bessere Kommunikationsvoraussetzung gibt als eine persönliche Begegnung.
Lömann sagt „fast”, denn da wäre noch das sogenannte schweigende Einvernehmen, bei welchem gleichzeitig breiteste Gedankenströme hin und her fließen, oft den Kommunizierenden gar nicht bewusst, aber seit Lömann darauf achtet, erschrickt er förmlich gelegentlich dieser Datenfluten, hat halbe Nächte schon damit zugebracht, sie auszuwerten, zu verzehren, reiche, reiche Nahrung. Verstörend klingen diese Daten nach, danach drängend, ausgesprochen zu werden, aber dem vermag Lömann nicht nachzugeben. Oft genug scheint es ihm peinlich, unschicklich. Lömann wüsste dennoch kaum zu sagen, welche Kommunikationsform reicher wäre. Das Fähnchenschwenken nicht, das Flüstern durch Gitterstäbe hindurch vielleicht. Die Zettel, die Lömanns Kollege, der Name ist unwichtig wie ja eigentlich fast alles, an seinen Bildschirm pappt, während Lömann immerhin davor sitzt, sprechen, sagen alle anderen, Bände. Aber das nennt Lömann invertierte Kommunikation, der Kollege teilt ihm auf massive Art und Weise lediglich mit, dass er keine Kommunikation wünscht, aber dazu gezwungen ist, so wie Werbeagenten werben müssen, weil sie anders nicht zu Geld kommen. Und Untergehende funken SOS, weil ihnen nichts anderes mehr helfen kann, nur deshalb.
Was nun jedoch eine angemessene Kommunikationsform für Schweighart sei, weiß Lömann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht zu sagen.
Für Emails oder SMS fehlen Lömann die Adressangaben, ebenso, um zu telefonieren. Ein Buch erreicht, wie schon erläutert, Schweighart nur eventuell. Beide sind auch nicht Zelle an Zelle eingesperrt, wo die Zunge sich leicht löst, wie sich auch einsame Wanderer sofort grüßen, aber sich niemand mehr grüßt auf einer belebten Straße, es sei denn, man kennt sich bereits von woanders her, sagt man, ohne sich oft zu erinnern, wo man die nicht selten lästig gewordene Kommunikation begonnen hatte.
Irgendwie aber will Lömann mit Schweighart in Kommunikation treten, noch dazu, ohne seinen Namen zu kennen, der hier, aus dem bequemen Überblick des Abstandes heraus, unentwegt genannt wird.
Schweighart nämlich trägt fast täglich in Netzen diese wunderlichen Früchte ins Haus, nach welchen der Fahrstuhl noch lange betörend duftet. Was für Früchte! An die Spiegelwand des Liftes, mit der Lömann manchmal kurz plaudert, könnte er einen Zettel mit „Früchte woher?” und seiner Email-Adresse kleben. Aber der Reinigungsservice kommt fast täglich, Schweighart hingegen vollkommen unregelmäßig, aber fast immer mit diesen blau-gelben Riesenbeeren.
Einfach so ansprechen freilich kann er Schweighart nicht, denn Schweighart ist zum einen gehörlos, unterhält sich manchmal auf der Straße mit jemandem, der in abholt, in Gebärdensprache. Zum anderen spricht man nicht einfach so an, jedenfalls ungefähr seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr, nichts zu machen.
Mit einem Brief, meint Lömann, macht man sich in so einer kleinen Sache wie Beeren lächerlich.
Wenn es nur nicht schon vorgekommen wäre, dass Lömann den Fahrstuhl nicht mehr verlassen wollte, des betörenden Duftes wegen, der das Wasser im zwangsläufig schweigenden Munde zusammenlaufen ließ, immer wieder.
Und während immer neue Kommunikationsformen erfunden, ja verkündigt, angepriesen und verkauft werden, weiß Lömann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht zu sagen, was nun eine angemessene Kommunikationsform für Schweighart sei.
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