Des Autors rechte Hälfte
Achtung! Die Polizei fahndet nach einem beerenroten Rasenmäher, der mit dem vermisst gemeldeten Hausbesitzer Tommy P. seit zwei Wochen mit unbekanntem Ziel flüchtig ist.
Eine Nachbarin, die betont, dass sie fremde Rasenmähergeschichten eigentlich nichts angehen, will gesehen haben, dass das verdächtige Gerät am vorletzten Sonnabend Nachmittag um 16.45 Uhr die Eigenmächtigkeit besaß, seinen Benutzer am Griff mit einfachen Lederriemen anzuschnallen und konsequent vom Grundstück zu führen.

Ein weiterer Nachbar, der wegen des Fluchtrisikos nichts von Benzin- und Akkumähern hält, will seinerseits gehört haben, dass Tommy P. auf dem letzten Kurzrasenfest mehrfach Stolz auf seine Erfindung der Lederhandriemen bekundet hatte, mit denen er das Verhältnis zu seinem Rasenmäher noch intensivieren und wohl auch erotisch aufladen oder zumindest erneuern wollte.

Weitere Aussagen und vor allem Mäh-Spuren auf dem Grundstück und an einigen Haustieren und Schulkindern lassen es zu, den Tathergang wie folgt zu rekonstruieren:

An den Handgelenken angeschnallt und mit der obligatorischen Formel "Mäher, wir folgen dir" betritt Tommy P. wie an jedem eisfreien Sonnabend den an sich noch kurz genug geschorenen Rasen. Aber auch bei ihm hat sich das Rasenmähen längst vom Rasenmähen emanzipiert. Es ist eine lieb gewordene Zwangshandlung. Man kann schließlich stundenlang hinter etwas hinterherrennen und hindert etwas beim Wachsen. Diesem Zauber kann sich kein Grundstücksbesitzer entziehen.

Offensichtlich muss in diesem Fall auch dem Rasenmäher klar geworden sein, dass es bei dieser Tätigkeit längst nicht nur um das Kürzen von Grashalmen und hin und wieder einem übersehenen Stromkabel geht.
Das Gerät schien die Prophezeiung bedeutender Technikphilosophen zu erfüllen und übernahm eine Führungsrolle. Auch Tommy P. meinte, wie er am Rande des Volkshochschulkurses "Mähen für Fortgeschrittene" äußerte, dass sich diese Tätigkeit mit dem neuen Mäher "wie von selbst" erledigte. Man "brauche gar nicht dabei denken", verkündete er strahlend und zog sich den erwünschten Neid vieler Noch-Mitdenkmüsser hinzu.

Doch zurück zu jenem dramatischen Sonnabendnachmittag, der vielleicht ein Meilenstein in der Menschheits-Verwicklung darstellt.
Nach einigen der üblichen Streifen, die dem Strapazierrasen "2. Bundesliga" etwas wembleyhaftes verleihen sollen, bricht der Benzinmäher plötzlich aus der Spur und wandert entschlossen den Kiesweg entlang auf die Grundstückseinfahrt zu, begleitet vom zunehmenden Schimpfen des Hausbesitzers Tommy P., dem es nicht gelingt, die Handriemen zu lösen.

Wenige Minuten später befinden sich Rasenmäher und Tommy P. auf der um diese Zeit (jeder ist beim Mähen) leeren Dorfstraße, wobei der Rasenmäher, die Hilferufe Tommy P.s übertönend, anscheinend von vornherein Kurs auf die nahegelegene Autobahnauffahrt nimmt. Mehrere Zuschauer hier nun, die sich aber wie stets nicht in Familienangelegenheiten einmischen wollen, beobachten eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen Tommy P. und dem Gerät, die von großen Meinungsverschiedenheiten über das Fahrziel von Rasenmähern überhaupt und diesem einen im besonderen geprägt ist. Dabei arbeitet sich der Schlangenlinien fahrende Mäher zeitweise durch liebevoll angelegte Vorgärten, während sein Besitzer streckenweise liegend an den Händen mitgeschleift wird und nach zwei Kilometern, wie der Dorfpfarrer aussagt, auch ihn um Beistand anruft, nachdem es auf dem verschlungenen Fluchtweg zur Verwüstung von Friedhofsgräbern kommt.

Dem Dorfpfarrer gelingt es zwar nicht, während der Fahrt die Handriemen an Tommy P. zu lösen, wohl aber, die beiden durch rasches Umstellen einiger Grabsteine zu einer Extrarunde durch seinen Pfarrgarten zu verleiten, wodurch diesem immerhin eine kostenlose Mahd zuteil wird. Mit Gottes Dank und Segen versehen entfernt sich das Zweigespann Richtung Ortsausgang, meistert die neugebaute Schikane, zwingt Tommy P. an der dort gelegenen Tankstelle zum Nachfüllenlassen und bewegt sich mit seiner Geisel rasch ortsauswärts.

Hier verliert sich zunächst die Spur der beiden und Gerüchte nähren den bereits bestehenden reichen Fundus an Rasenmäherlegenden. Von Geräten ist darin die Rede, die, achtzig Kilometer weiter ausgesetzt, allein den Weg nach Hause fanden oder solange im Kreis fuhren, bis endlich ein darunter liegender Schatz ausgegraben werden konnte. Rasenmäher, die im Vollmondlicht herrenlos gesichtet und für eine zeitgemäße Erscheinungsweise des Todes als Sensenmann gehalten wurden.
Irgendwo in Niederbayern pflegt man wohl sogar eine Mähprozession und opfert der Heiligen Gardena, um die Schneidwerke milde zu stimmen, alljährlich eine Stiefmütterchenrabatte.

Im Fall des Tommy P. wird angenommen, dass der Rasenmäher zunächst die Grenze in das wiesenreiche Polen überschreitet, was Technikkritiker (sie führen im Wappen ihrer Bewegung bezeichnender Weise Sichel und Ährenkranz) als faschistoide Grunddisposition interpretieren. Eine "Mäher-ohne-Rasen"- Ideologie sei von vornherein diesen Geräten eigen und äußere sich nun im Expansions- und Eroberungsdrang.

Bis zur Stunde haben NATO-Aufklärungsflüge jedoch keine Hinweise auf außergewöhnliche Rasenmäherbewegungen.
Der Familie von Tommy P. kommt jede mögliche Unterstützung zugute. Ihre Rasenfläche hat sie gegen eine schmucke Formsteinpflasterung eingetauscht, die der Familie immerhin den Fortbestand ihres sozialen Ranges in der Gemeinde sichert.

Ehefrau Susanne betreibt im Internet eine Selbsthilfe-Plattform für Entführungsopfer technischer Geräte. Es melden sich sogar Menschen, die zum ersten Mal den Mut finden, über ihre dominanten Staubsauger zu sprechen. Auch Bügeleisen und Wasserkocher sind bereits auffällig geworden.

Die Sichtung eines herrenlosen Rasenmähers in Litauen, der ein Bündel klappernder Knochen hinter sich her zog, wurde dort als "Just married" - Brauch interpretiert.
Warum sollte ein Rasenmäher nicht auch heiraten, wenn er schon mal beim Emanzipieren ist? Man hat mittlerweile sogar festgestellt, dass paarweise gehaltene Geräte weitaus seltener zu Ausbruchsversuchen neigen.
An einem glücklichen Rasenmäher muss schließlich jedem gelegen sein.
Dies sei, so Frau P., das Vermächtnis ihres Mannes.


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