Des Autors rechte Hälfte
Das Denken in Noppensocken

Weitreichende Gedanken kommen einem in Noppensocken.

Zugegeben mögen auch äußerst ernste Überlegungen in Brautkleidern oder Häftlingskleidung angestellt werden.
Sogar nackt kann man unter Umständen immer noch ein wenig denken.
Aber in Noppensocken stößt man auf die wirklichen Grundfragen der Evolution, des Menschseins und vor allem Bleibens. Da geht synapsenmäßig die Post ab.

Viel Erkenntnis ruht in jener sohlenseits mit Haftnoppen beschichteten Fußbekleidungs-Chimäre, um deren Zuständigkeit übrigens die Handelswelt völlig zerstritten ist. Weshalb bei dieser Gelegenheit endlich auch einmal kurz angeregt sein darf, in allen Kaufhäusern endlich einen Stand "Umstrittene Artikel" einzurichten, wo neben Noppensocken zum Beispiel auch Tischdecken angeboten würden, die ebenso halbherzig in Möbelhäusern nahe den Tischen und in Warenhäusern neben der Bettwäsche ausliegen.

Meine mir mittlerweile ans Herz gewachsenen, obgleich ich sie an den Füßen trage, Noppensocken suchte ich in allen Winkeln der Warenwelt. Online fand ich sie nicht, weil ich lange Zeit ja gar nicht wusste, dass man Noppensocken Noppensocken nennt. Strümpfe mit so Gummiklecksen unten dran suchte ich vergeblich in den verschiedensten Geschäften, sogar bei IKEA. Mühsam fragte ich mich in Kaufhäusern weiter und weiter und wurde zwischendurch sogar an Sexshops verwiesen.

Strumpfabteilungen wiesen fast beleidigt zurück, mit solchen Unstrümpfen in Verbindung gebracht zu werden. Ist die Arroganz eines Ratschlages wie "Vielleicht hat's ja Schlecker" noch zu toppen? Wohl kaum.

Aber Noppensockenliebhaber haben auch willensmäßig eine starke Haftung. Und sie lohnt.
In einer etwas messiehaft verrümpelten Ecke eines Schuhgeschäftes baumelten endlich welche herum.
Sie waren ausdrücklich für Damen gedacht, aber auch mein Geschlecht war mir allmählich zunehmend egal.

Die ersten Schritte werde ich nicht vergessen.
Ich hatte plötzlich Halt.
Die Jahres des Ausrutschens auf der Treppe mit frisch gebrühtem Tee auf einem schlecht balancierten Tablett hatten ein Ende.
Zwar warte ich, offen gesagt, noch auf die Noppentasse, aber die Socke ist, kein Zweifel, ein großer Schritt in Richtung Überleben zuhause.

Ich schreibe dies ohne Werbevertrag für einen Noppensockenhersteller, was nicht nur meine geschäftliche Unbedarftheit herausstellt, sondern auch die wirkliche Begeisterung.
Ich scheue letztlich nur ein wenig vor der Formulierung, mir sei ein zweites Leben geschenkt worden. Mir ist nämlich der Schenkungscharakter des ersten noch nicht ganz klar.

Und da wären wir schon fast bei der Evolution, der Geschichte von allem undsoweiter. Irgendwann in ihr gab es die ersten Wesen, Lurche, wie ich annehme, deren besondere Fußbeschaffenheit eben diesen Halt gab, den Jahrmillionen später die Noppensockenindustrie begeistert aufgriff.
Die eigentliche Frage ist aber nicht, wie viele Millionen Jahre mal wieder die Lösung eines Problems frei herumlief, ohne vom Menschen gefunden zu werden. Die Frage ist, warum die Evolution in ihrem weiteren Vorwärtsgang bis hin zu ihrem groß hinausposaunten High-End-Modell "Mensch" die praktischen Fußnoppen wieder verworfen hat.
Stattdessen stattete sie ihre A-Klasse mit Behelfssohlen aus, die das neue Leistungsmerkmal des aufrechten Ganges mit Hühneraugen, Hornhaut und Fußpilz bezahlten.

Wenn es denn überhaupt zu einer normgerechten Fußformung kam! Senk-, Spreiz-, Klump- und Plattfüße spotten der Menschwerdung in reicher Missgestalt.
Das Wort "Pfusch" will mir auf die Lippen, aber ich will nicht so grob undankbar erscheinen, denn kaum einen meiner Wege im Berufs- und Freizeitleben hätte ich stattdessen kriechend zurückgelegt. Auf allen Vieren im Opernhaus? Das wollen wir dem Bühnengeschehen überlassen.

Die Besohlung des Menschen muss jedenfalls angesichts der langen Entwicklungszeit als mehr als dürftig kritisiert werden.
Und werden noch weitere Rückschritte folgen?
Die Natur ist eine große Lehrerin, die das Klassenzimmer nicht mehr so recht im Griff hat.

Wahrscheinlich gab es damals die praktischen Hafthilfen an den Füßen genetisch nur im Allinklusive-Paket mit gespaltener Zunge und wechselwarmem Kreislauf. Höherentwickelte, sagte sich die Evolution, können sich die Dinger gefälligst kaufen. Wir Menschen kommen also in der minimalen Freeware-Variante zur Welt und können uns gegen Aufpreis allerhand Updates zulegen: haltbare Zähne zum Beispiel oder eben Noppensocken.
Aber nicht alles geht.

So ist der Natur das Prinzip "schnurlos" grundlegend unbekannt.
Dass wir Menschen ein störanfälliger Kabelsalat sind, wird Ihnen aber auf Anfrage jeder Operationsarzt bestätigen.
Sogar jeder Klempner, den man mal reinschauen lässt.
Blutbahnen, Lymphkanäle, Nerven - in uns sieht es aus wie hinter einem PC-Arbeitsplatz, und das wird so bleiben.
Nicht alles ist verbesserbar.

Auch an der klassischen Steckverbindung halten viele Menschen freiwillig fest. Dabei könnten sich gerade Erbinformationen bestens dazu eignen, drahtlos und hygienisch über eine Art bluetooth - Verbindung übertragen zu werden. Die Dame aktiviert beim Herrn lediglich die download - Funktion, fertig.
Ohne der Sodomie belangt zu werden, ließen sich bei schnurloser Befruchtung vielleicht auch Fußnoppen-Gene herunterladen. So als Äpp.
Doch will ich hier abbrechen.

Allzu behaglich ist mir in den zudem auch noch warmen Socken geworden. Hirnkapazitäten, die sonst an Balance und Festhalten verschwendet wurden, sind nun frei für philosophische Reflexionen.
Der Mensch verlässt die schlurrenden Pantoffel und bricht auf in neue Gebiete.
Nicht auszudenken, auf welche Ideen er noch kommt.


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