halbstark
halbstark

Da glaubten sich die Spießer aber in der Offensive, als sie dieser verkommenen Jugend Hälftigkeit bescheinigten.
Natürlich wurde der Ansporn, sich die restlichen fünfzig Prozent Stärke durch Vorzeigbarkeit am heimischen Nierentisch zu erarbeiten, in den frischen Wind spätestens der Sechziger geschlagen.
Halbstark war übrigens in der DDR auch, wer zur anderen (allerdings weit größeren) Hälfte Deutschlands schaute.
Heute würde man das Wort "halbstark" als "megaschwach" bezeichnen.
Laufbahn
Laufbahn

Eine richtige Karriere war schon früher nicht unbedingt drin, aber wer die Schnauze hielt, endete vor der Rente im gleichen Stall wenigstens zwei Lohngrüppchen über seinem Einstiegsgehalt.
Der Junge macht seinen Weg, pflegte man zu sagen.
Heute kann jeden Augenblick die Produktion eingestellt werden.
Aus dem Berufsleben stolpert man über Teilzeit, ABM, Vorruhestand oder Arbeitslosengeld höchstens auf die schiefe Bahn.
Stelldichein
Stelldichein

Ein Stelldichein galt im Unterschied zum heutigen "date" bei Ausbleiben von Geschlechtsverkehr nicht als gescheitert. Es endete meist weit vor der Plateauphase männlicher Erregung mit der Ablieferung des Lustobjekts an der bedrohlich schwiegerelterlichen Haustür.
Langzeitüberlebende verklären heute ihren damaligen Triebstau als "romantisch".
"Stelldichein" deckt sich, wenn man dieses Verb hier überhaupt verwenden sollte, mit dem ebenfalls erledigten französischen "Rendezvous".
Mitbestimmung
Mitbestimmung

Gibt es heute nur noch in den Lightversionen "Mitsprache" oder "Demokratie" so ganz allgemein, also was ankreuzen und zu Hause abwarten, was passiert.
Möglicherweise wird dieses Wort demnächst sogar offiziell auf einem SPD-Parteitag gelöscht.
Manche Menschen behaupten, es habe wirkliche Mitbestimmung nie gegeben, nicht einmal paritätische.
Aber das lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen.
Fräulein
Fräulein

In früheren Zeiten durfte man zu einer Frau nur Frau sagen, wenn sie zur Frau genommen wurde.
So wurden, streng genommen, sogar ältere Frauen nie Frau, sondern blieben Fräulein (wie meine Mathematiklehrerin, die aus einer Zeit stammte, da man nur als Fräulein Lehrerin sein durfte).
Unerklärlicherweise verbinden Viele mit dem Wort Fräulein Fröhlichkeit, wahrscheinlich, weil (klanglich) "Freude" wie "Fräulein" anfängt.
Spricht man heute eine junge Frau als "Fräulein" an, hört der Spaß manchmal schnell auf.
Bildröhre
Bildröhre

Das Wort befindet sich noch im Vorruhestand, wird aber bald auf kaum einem Flachbildschirm mehr angezeigt.
Wenn einst aus dem Fernseher (auch weißer) Rauch stieg, war "die Bildröhre durch." Mit dieser Programmdurchsage des Familienoberhauptes endete so mancher Schwarzweiß-Fernsehabend.
Oft war die Bildröhre gar nicht durch, sondern der Zeilentrafo oder ein kleiner Widerstand.
Meist war sie nicht einmal gemeint, sondern eine Verstärkerröhre, bei deren Einsetzen am offenen Gerät viele Väter lustige Stromschläge erlitten.
Schlager
Schlager

Zwar gibt es noch Musikstücke, die wie Schlager klingen, aber die wollen lieber ein Hit (engl auch für "schlagen") sein, was Schlager kaum noch schaffen.
Junge Menschen halten Schlager für bekloppt. Ein Wunder, dass sich der Schlager noch nicht geschlagen gibt.
Als das Wort selbst noch ein Schlager war, waren nicht nur Schlager Schlager. Auch Getriebewälzlager zum Beispiel, sobald sie Weltniveau hatten und somit zum Messeschlager avancierten.
Wie übrigens auch eine Gisela (1960, Operette von G.Natschinski).
Der Onkel Doktor
Der Onkel Doktor

Nein, die Zwei-Minuten-Behandlung lässt keine Gefühle verwandschaftlicher Zuneigung entstehen, schon gar nicht, wenn vorher auch noch die Praxisgebühr abgedrückt wurde. Das Gesundheitswesen ist eine hart kalkulierte Dienstleistungssparte ohne Platz für Sentimentalitäten. Da kann man froh sein, wenn der Doktor überhaupt noch den Doktorgrad hat.
Die Überalterung der Gesellschaft führt außerdem dazu, dass die meisten Ärzte eher die Enkel als die Onkel ihrer Patienten sein könnten.
Auf Wiedersehen
Auf Wiedersehen

Sagt man eigentlich nur noch, und zwar mit doppelter Lautstärke, zu Menschen nix sprechen Deutsch.
Selbst im (Verbal-)Verkehr mit Beamten wird auf jeden Fall das "Auf" weggelassen.
Ansonsten verabschiedet sich jeder selbst vom Chef mit Ciao, Bye, So long, See You, Na dann, Tschöh, (gegebenenfalls:) Frohes Fest und bis die Tage.
Ein ähnliches Schicksal wie "Auf Wiedersehen!" steht sicher demnächst auch dem "Guten Tag!" bevor, das bereits weiträumig vom "Hi!" gefressen wird.
Kamerad
Kamerad

Im Schützengraben konnte man sich noch sicher fühlen.
Der Kamerad schleppte einen notfalls huckepack aus der Feuerlinie. Zu weit weniger aufgelegte Mitmenschen tituliert man heute bereits als "gute Freunde". Und der Kamerad, den man hatte, wurde zur gefühllosen Anrede in Sanitätsdiensten oder in braunen Kreisen zum anmaßenden Synonym für "Kumpan".
Kameradschaftlichkeit ist übrigens das Gegenteil von Mobbing. Aber viele Gegenteile existieren nur noch als ungefüllte Worte.
Ober
Ober

Das weiße Tuch hing eingehängt auf seinem Ellenbogen, als sei er mit ihm verheiratet.
Wenn er mit dem gebotenen Ernst verkündete: "Hier wird nicht bedient!", dann glaubte man es. Niemals trat er von der falschen Seite an den Gast heran. Eher blieb er verschollen.
Kaum etwas im Leben war so desillusionierend wie sein "Ist leider aus."
Heute kellnert ein junges Ding herum, kleckert und verrechnet sich, ist aber gut drauf. Es hat die Oberschule hinter sich, nicht aber die Ober-Schule.
Klingeln
Klingeln

Es klingelt nicht mehr. Das Wort ist ein Schatten.
Wer glaubt, er käme mit dem gleichnamigen, nostalgischen Rufton an das alte Erlebnis der Sprechverbindung als Wunder heran, dem sei gesagt: echte Klingeln schellten in Wirklichkeit geradezu. Auch an der Wohnungstür schlugen Stößel possierlich gegen Metallhalbkugeln. Als Fernmeldemechaniker in der Armee lernte ich, durch Loseschrauben der Metallhalbkugeln Klingeln noch brillanter, silbriger und wohler zu temperieren. Für diese Kunst klingelte leider nicht die Kasse.
gepflegte Biere
gepflegte Biere

Rülpst ein ungepflegtes Bier schon in der Flasche? Wie pflegt man überhaupt Bier? Geht der Wirt in den Keller, die Fässer streicheln?
Bevor es Kühlschränke gab, brauchten Wirte bestenfalls einen gepflegten solchen zur Kühlung. Ist gepflegt nur gekühlt? Und wieso taucht "gepflegt" nur mit der Mehrzahl "Biere" auf?
Lauter gepflegte Fragen, die ich auf dieser gepflegten Homepage mal dem gepflegten Gast entgegenwerfen möchte. Man sollte sie mal bei gepflegten Bieren diskutieren.
D-Zug
D-Zug

Der Abkürzungsfimmel geriet unter die Räder des Anglizismen-Fimmels.
Der D-Zug war eigentlich ein sogenannter Durchgangszug. Patrioten wussten ihn auch fälschlich als Deutschland-Zug zu deuten. Für den D-Zug war ein zungenbrecherischer D-Zug-Zuschlag zu erwerben. Dass Google immernoch Hunderttausende Treffer für "D-Zug" findet, ist eigentlich nur damit zu erklären, dass der D-Zug selbst bei seinem Verschwinden mal wieder Verspätung hat.
Wonne
Wonne

Wonnen wären, wenn man sie überhaupt noch gewinnen wollte, so etwas wie Langzeitkick und Tiefen-Fun.
Mit einem sprachlich wesentlichen Unterschied: im Unterschied zu Kick und Fun kann man Wonnen auch anderen bereiten. Wie auch Freude (Spaß nicht).
Das Wonnebereiten selbst wird dann Wonne. Unfähig, sich zu laben, wirkt das am downloadbaren Fun-Tropf hängende hyperaktive Kid kränklich gegen einen konsole-losen Wonneproppen.
Wohligste Wonnen warten übrigens in Wannen!
modern
modern

Eigentlich hätte sich das Wort denken können, dass es nicht ewig angesagt ist, hip oder im Trend. Es hat alles versucht, kein Modewort zu sein, galt als schwer ersetzbar, aber dennoch ist es langsam altmodisch, es zu benutzen.
Wer von "moderner Technik" spricht, zeigt, dass er von HighTech keine Ahnung hat.
Modische Kleidung gibt es höchstens noch beim Vietnamesen auf dem Wochenmarkt.
Und die künstlerische Moderne fand bekanntlich im 20. Jahrhundert statt. Das ist mittlerweile vorgestern.
Das Wort "modern" ist beim Vermodern.
Tugend
Tugend

Die Zeit der Aufklärung, da sich Philosophien und Kunst in ihrem Dienste sahen, ist vergessen. Seit das Fernsehen tugendfrei sendet, ist das Wort eine Lachnummer.
Doch will ich es als Tugend ansehen, mich über die Tugendlosigkeit nicht zu empören.
Zumal es bei diesem Wort eine besonders große Auslegungsfreudigkeit gibt. Was dem einen eine Tugend, ist dem anderen Laster. Schon manch tugendhafter Mensch landete infolge andersartig geltender Auslegung in Tugendhaft.
Göre
Göre

Ein markenbewusstes Kid mit UMTS-Handy kann man nicht mehr als Göre bezeichnen.
Schließlich kann es z.B. beruhigt von sich weisen, sich beim Herumtollen im Garten Obstflecken zugezogen haben, da es weder irgendwelcher Bewegung noch dem Obstgenuss frönt.
Das Wort ist mit dem Mittelhochdeutschen "gorec" für "klein, gering, armselig" verwandt.
Eventuell noch auftretende Geringschätzungen heutiger Heranwachsender werden nötigenfalls durch Waffenbesitz kompensiert.
Telegrammstil
Telegrammstil

+++ telegrammstil nicht verschwunden stop +++ weiterentwickelt zu sms-chinesisch stop +++ nicht mehr silben kosten wie frueher stop +++ sondern zeichen knapp stop +++ szene aber erfinderisch stop +++ funke fudhuk widumihei stop +++ also falle um den hals und willst du mich heiraten stop +++ früher mehr neuigkeits- und sensationswert im telegramm stop +++ dafür seinerzeit flirten per telegramm unmöglich stop +++ da unbekannte groesze telegrammbote im spiel gewesen waere stop +++ sms-funker funkt ppkm stop +++ das bedeutet: persoenliches pech kein mitleid stop +++ stil ende stop +++
Sommerfrische
Sommerfrische

Ein Wort, dass nach lauschiger Gartenstille klingt, nach Idylle und gesunder Luft, dabei ist es selbst so gut wie tot.
Im Zuge des Klimawandels trat an die Stelle irgendwelcher Frische nämlich längst der fun-orientierte Aktivurlaub mit Überbuchungsabenteuer in der Hitzewelle.
Waldbrände, Tornados und Tsunamis haben auch den sprachlichen Acker, auf dem die Sommerfrische gedieh, mehrfach umgepflügt. Auch gibt es keine Betriebsferien mehr, denn auch die Kunden der eigenen Bude wollen ganzjährig Frische. Und das macht auch nichts.
Denn Sommerfrische kann man heute zu jeder beliebigen Jahreszeit nicht haben.
reizend
reizend

Das Wort hat seinen Reiz verloren.
Reizend sind heute nur noch zahlreiche chemische Inhaltsstoffe. Der Mensch freut sich hingegen über alles Nichtreizende.
So fristet das Wort sein Rentnerleben in Chemielaboren, wo es von goldenen Zeiten träumt, da es unentwegt durch die Ufa-Studios knarzte: "Gnä' Frau sehen heute aber wieder reizend aus".
Besonders Berliner Frauen von heute sind alles andere als gnädig und maulen nur noch selbst gelegentlich: "Na, det is ja reizend!"
Dame
Dame

Das Wort ist das Damenopfer der Frauenbewegung.
Die Dame (erst recht jene "von Welt") arbeitete nämlich nicht, sondern ließ sich lediglich in Restaurants und Modehäusern höflich als solche ansprechen, sofern sie optisch ein wenig hermachte.
Eine Dame denke ich mir stets mit Hut, unter welchen die Powerfrau von heute hingegen Beruf und Familie zu bringen versucht. Zeit zum Dame-sein ist nicht mehr.
Deswegen ist "Dame" heute fast eine Beleidigung. Nur, wo keine Dame ist, ist auch kein Herr.
Allein in der Parfümerie hängt noch mancher "Damen-Duft". Letzte Damenwahl.
kess
kess

Frische hat bekanntlich ein Verfallsdatum, wie ein Steak. Wenn ein solches zur "kessen Sohle" geworden ist, nimmt es keiner mehr in den Mund.
Eine Sturmfrisur zum Beispiel war kess, weil der/die Frisierte in einem Moment der Selbstüberschätzung innere Hemmungen überwand, sich ein wenig zur Vogelscheuche zu machen.
"Kess" bezeichnete allgemein den ausgeflippten Langweiler, ein bescheidenes Draufgängertum, das belächelt wurde, solange es sich nicht um eine lieber nicht riskierte "kesse Lippe" handelte.
Als "kesse Bienen" werden heute nur noch Nachtschwestern von Pflegeheiminsassen beschäkert.
Datenverarbeitung
Datenverarbeitung

In einer Zeit, als das Formatieren noch geholfen hat, galten Computer als Maschinen, die man mit Informationen füttert, um nach der Benutzung des Computers noch bessere Informationen zu erhalten.
Das funktioniert heute, kurz gesagt, genau entgegengesetzt.
Aus Rohmaterial, das man mit "Schnulli" treffend beschreibt, wird in Foren, Blogs, Chatrooms und Second-Lifes Mega-Schnulli.
Es bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als diesem Treiben datenlos zuzusehen.
verrucht
verrucht

Überhaupt nichts rucht mehr, schon gar nicht, bis es verrucht ist.
Damit hat sich wenigstens der Widerspruch gelöst, dass jemand, der verrucht war, gleichzeitig als ruchlos galt.