Des Autors rechte Hälfte
Der gemeine Kartoffelsalat

Mit der wiedereinsetzenden Zubereitung von Kartoffelsalat lässt sich ziemlich genau das Ende der Nachkriegszeit datieren. Auf den Rübenwinter folgt übergangslos die Bulimie. Man isst wieder was. Es ist sowieso die Zeit der Wiederbewaffnung.
Wie immer bei germanischer Atzung besteht auch der Reiz des Kartoffelsalates in der Sehnsucht nach dem ersten Happen. Noch glitzert die Mayonnaise verlockend, und lüstern lümmelt sich das laue Würstchen. Doch nicht umsonst nennt der Deutsche seine Mahlzeit auch „Gericht”.
Kartoffelsalat ist oft sogar ein Standgericht.
Spätestens nach dem vierten schneekalten Bissen wird nach Kräuterschnaps gewinselt und der Gürtel gelockert. Das wirkt übrigens nicht anzüglich, denn ein Salatverfüllter ist sexueller Übergriffe unfähig. Kaum, dass er noch abzuwinken vermag.
Ein alemannisches Festmahl, ein Blitzkrieg gewissermaßen mit dem eigenen Magen, ist also nach höchstens sechs Minuten vorüber.

Die Deutschen wollten, wie immer, zuviel. Und wie immer wollen sie es ungeschehen machen. Aber die Verdauungsorgane halten als kollektives Gedächtnis die Erinnerung schmerzvoll wach. Mancher bereut das Bleigießen in seine Magengrube. Doch die meisten beteuern auf Anfrage, das bis zum Stillstand der gesamten Motorik führende Völlegefühl als angenehm zu erleben.
Kartoffelsalat ist auch zu einem ernsten Umweltrisiko geworden.

So verlangt zum Jahreswechsel ein geschlechtsreifer Teutone, dass ihm davon etwa 500 Gramm aufgetan werde, wovon er jedoch höchstens die Hälfte wirklich herunterschluckt und auf unbegreifliche Weise durch die biergefluteten Eingeweide schleust.
Noch die verbleibenden 250 Gramm addieren sich bei rund 60 Millionen verzehrfähigen Deutschen zu 15-tausend Tonnen Sondermüll!

Selbst, wenn man die Gürkchen herausrechnet und die bis eben noch verwertbaren Kartoffeln, entspricht allein die verbleibende Menge der Mayonnaise einem Mehrfachen der jährlichen Belastung heimischer Gebäude durch Asbest!
Die Verwendung eines Ersatzstoffes unter der verräterischen Produktbezeichnung „Miracel” ändert nichts am gefühlten Gewicht des Kartoffelsalats.
Die Erdäpfel scheinen in eine Gravitationsfalle geraten zu sein.

(Das Schwarze Loch unter den Gravitationsfallen ist übrigens fertig abgepackter Kartoffelsalat. Schmeckt nach Rückrufaktion.)

Schon vom Augenblick des Auftischens an beginnt vor den Augen der Gäste das beeindruckende Naturschauspiel seines Verrottens.
Der Kartoffelsalat „schlägt an”.
Hepatitische Gelbtöne huschen über Muren und Schründe, welche die traditionell aus Plastik gefertigte Salatkralle hinterließ.
Kartoffel-Ecken erblauen.
Senfkrusten korridieren.
Ein beißender Geruch zieht bis ins Schlafzimmer, wo er ein paar Tage bleibt.

Sich vorsichtig bückend, bestückt die Hausfrau den Geschirrspüler. Mit oft genug nichts als den bloßen Händen schiebt sie, Trümmerfrau des Festgelages, die reichlichen Reste in den Müllsack, gemeinsam mit ausgebranntem Tischfeuerwerk, Senfschlieren, Salzstangen und Zigarettenasche. Dieser gehört in einen ausgedienten Salzstock, landet aber im Hausmüll.

Der Rest des Kartoffelsalats verbringt die Nacht entweder im Magen.
Oder wieder im Freien.
Man bricht deutsch.


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