Des Autors rechte Hälfte
Wer zuerst lacht...

...saß natürlich im Kabarett.
Da kommen die Lacher zur Welt.
blattlaus meets florfliegenlarve' Die dann irgendwann zuletzt lachen, sind ja bloß diese ewigen Gewinnler. Die gibt es immer. Die juckt es auch nicht so sonderlich, dass sie zwischendurch mal ausgelacht werden. Das sollte man wissen als Kabarettist, damit man sich nicht überschätzt.
Ob die zuletzt Lachenden aber wirklich am besten lachen, wie das Sprichwort meint, wage ich überhaupt zu bezweifeln. Eine Vergnügtheit, die zur Voraussetzung hat, dass die Anderen nicht mehr lachen, kann nur aus Schadenfreude gespeist sein. Fazit: Es lachen nicht die Besten am besten.

Aber zurück zu den Ersten, zu den frischen Ausbrüchen, gleich, wenn einer mit der Spitzhacke das Komische an irgendwas zum ersten Mal freigehauen hat. Hundertfünfzig Leute im Saal (einmal hatten wir sechshundert) haben ein Aha - das ist doch etwas!
Wenn ich allerdings Jahre danach die Ahas nachschmecke, sind sie natürlich mitunter etwas geschrumpelt, wie wir alle. Die Zeit ist kein Kühlschrank. Eher eine Müllhalde. Vergänglichkeit verhagelt die Ernte.
‚Was haben wir uns damals beömmelt!' denke ich, und manchmal beömmele ich mich beim Lesen genauso wieder, aber manchmal wundere ich mich auch. Damit haben wir uns auf die Bühne gestellt? Zum Glück kommt aber dann doch eine gute Stelle. Bei der damals keiner gelacht hat.

Natürlich ist die Fixierung aller Kabarettisten auf das Lachen im Saal suspekt. Geht es letztlich nur um die Ernte dieses wortlosen Geräusches „Gelächter”, das übersetzt ein riesengroßes „Ja!” ist? Der Politiker X, liest man, sei ein „gefundenes Fressen für Kabarettisten”. Missstände sind auch immer ein „gefundenes Fressen”. Wir lassen auf der Zunge zergehen, was man sonst höchstens herunterwürgt. Eine kollektive Verdauungshilfe. Wir gehen mit dem Publikum eine Symbiose ein. Wir zerlegen den Leuten die Kröten, die sie schlucken sollen, bis vielleicht ihr Ekel so groß wird, dass sie das Schlucken verweigern. Für diese sozialhygienisch wichtige Dienstleistung verlangen wir etwas Lachen und noch weniger Eintrittsgeld. Wer mehr als diesen Stoffwechsel vom Kabarett verlangt, will es in Wahrheit meist nur loswerden.
Ich überlege genau, ob diese grundlegenden Zusammenhänge für beide Gesellschaften gelten, in denen ich Texte schrieb. Ich glaube ja. Ich weiß nicht mehr, ich glaube.
Ich glaube, dass auch in der DDR das Kabarett mehr war als ein Überdruckventil. Dass man sich im gemeinsamen Lachen vergewissert hat, wes Geistes wir waren und werden. Auch das brauchte es, um zu einem Selbstbewusstsein zu finden, das sich schließlich in „Wir sind das Volk” artikulierte. Auch wenn man, wie die Geschichte zeigt, noch nicht allzu viel erreicht hat, wenn man das Volk ist. Aber ist man keins, hat man gleich gar nichts zu melden.
Das geht einem nun all die Jahre durch den Kopf.

Als ich, vom sporadischen Lehrlingskabarett in den Siebzigern abgesehen, aus dem nix erhalten ist, 1988 zu den Potsdamer „Bücherwürmern” stieß, kam ich, was wir aber alle nicht ahnten, nur relativ spät zu einem Staatsbegräbnis. Die Truppe existierte schon seit 1975 und war aus dem Jugendklub an der, wie sie hieß, Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek Potsdam hervorgegangen. Sie hatte längst ein treues Publikum und in Hans-Jochen Röhrig vom Hans-Otto-Theater einen fordernden wie einfühligen Regisseur. Nach und nach waren die ursprünglich eher literarischen Programme immer satirischer geworden. Der Name „Die Bücherwürmer”, der zu einem kleinen Gütesiegel geworden war, blieb bis heute.

Ich hatte in den Achtzigern Woche für Woche als angestellter Rundfunkjournalist beim Sender Potsdam Beiträge im Ressort „Jugend” abzuliefern und ergo irgendwann auch über „Die Bücherwürmer” berichtet. Deren Chef Ronald Gohr wohnte in mancherlei Beziehung ganz in der Nähe. Und so ergab sich das alles, wie sich alles auf der Welt immer so ergibt.
Von 1990 bis 1995 habe ich auch selbst mitgespielt. Ich hätte das auch weiterhin, so dachte ich jedenfalls damals, wenn es hätte zum Beruf werden können. Heute rate ich eher davon ab, das, was man liebt, zum Gelderwerb zu betreiben. Meine Mitlaien wollten jedenfalls gern Laien bleiben, und der Radioberuf, in dem ich steckte, ließ es immer seltener zu, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen. So blieb ich nur noch Laienkabarettautor. Auf die Bühne geriet ich dann viel später und mit fremden Texten als Alter Fritz aus einer Radio-Satire. Auch das ergab sich, und ich ergab mich.
Jetzt hat sich durch die neuen, schönen technischen Möglichkeiten, an jeder Ablehnung vorbei Bücher zu machen, diese Textsammlung ergeben. Das aus relativer Spätsicht Beste oder wenigstens Aufschlussreichste ist hier vereint, garniert mit Schnipseln aus den Programmheften und Eingescanntem aus der Fotokarton.
Es war übrigens nicht, wie ich zuerst annahm, die Fülle des Materials aus sage und schreibe zehn abendfüllenden Programmen, welche die Schwierigkeit der Auswahl verursachte.
Es war etwas Anderes, Unvorhergesehenes.
Der psychiatrische Befund könnte lauten: einige der Autoren, die ich war, sind mir etwas fremd geworden.

Vor allem in den Neunzigern, als die „Gechichte”, wie Helmut Kohl das Wort nuschelte, zu endigen schien in einem langweiligen neoliberalen Kapitalismussumpf, saß man da mit seinen feinen Wortwitzwerkzeugen und hatte nicht so recht was zu tun. Die Leute maulten über das Knirschen in der Wiedervereinigung oder maulten über die, die maulten. Der Rest war Spaßgesellschaft.
Die Versuchung war groß, entweder einfach nur die Wutausbrüche abzuholen, wo man sie günstig bekam, oder puren Klamauk zu bieten, im Comedysog, um es deutlich zu sagen, als Kabarett zu verschwinden. Beides, das pure Maulen wie der pure Klamauk, ist Populismus, ein gefälliges Zumundereden. Populismus ist Schnaps. Ich verzeihe ihn mir noch heute nicht, wo ich welchen ausschenkte.
Das Gefährliche am Bedienen des Publikums ist, dass es irgendwann bedient ist, bedient von der anscheinend nichts taugenden Demokratie. Wer ohne nachzudenken, auf die Politikerkaste als Ganzes eindrischt, redet leicht denen zu Munde, die schon wieder die Demokratie „überwinden” wollen. Populistisches Kabarett ist Publikumsmissbrauch.
Nachdem der Punkt kam, das begriffen zu haben, wurden die Programme wieder stärker. Meine ich, denke ich.

Was bleibt oder bleiben kann von Texten, die für Abende im Heute geschrieben wurden, weiß ich auch nach dieser, wie man sieht, abenteuerhaften Sichtung noch nicht.
Was bleibt von dem, was ich zur DDR gesagt habe, als es sie noch gab? Meine Kabaretttexterkarriere begann, als das Land schon fast am Ende war. Wahrscheinlich konnte nur einer, der die Leute zum Lachen bringen wollte, noch über ihre Heilung nachdenken. Ich habe das tatsächlich versucht. Anders weiß ich mich nicht zu deuten.
Als die Mauer fiel, sagte mir ein Kabarettistenkollege, dass man ja nun ganz schnell werde aufhören können mit dieser Kleinkunst, denn ihr Zweck habe sich in jener Novembernacht erfüllt. Und tatsächlich gaben es Hunderte kleiner Truppen auf, sich noch weiter zur allgemeinen Erheiterung an Versorgungslücken und unhöflichem Gaststättenpersonal zu delektieren.

Wir, „Die Bücherwürmer” haben weitergesucht. Waren es Begierden nach Lachern oder weitere Therapieanstrengungen?
Wer weiß, dachte ich, wohin der Kahn „Geschichte” noch so treibt. Man sollte doch ein wenig mit ins Segel pusten, auch wenn immer wieder am besten lachen wird, der zuletzt lacht.

Wo anfangen?
Wo Kabarett immer anfängt.
Heute.


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